Jeder kennt das Gefühl. Es ist vom Grad des Amüsements irgendwo zwischen Zahnarztbesuch und Glatteis auf der Autobahn anzusiedeln. Aber einmal im Jahr muss es sein. Einmal im Jahr muss die Steuererklärung abgegeben werden. Da hilft höchstens einer: Der Steuerberater.

Nicht umsonst sagt man, im Leben seien nur zwei Dinge sicher. Der Tod – und die Steuer. Über beides denkt man nicht so gerne nach. Beides erscheint unausweichlich. Gut, im ersten Fall mag das tatsächlich naturgegeben sein. Doch Steuern? Diese Zwangsabgaben sind eindeutig menschengemacht – und keineswegs natürlich, gottgegeben oder nicht veränderbar.

Man könnte zum Beispiel komplett auf Steuern verzichten. Das hört sich vielleicht erstmal sehr verführerisch an. Allerdings nur, bis man daran denkt, dass auch in einer starken Marktwirtschaft gewisse Aufgaben an den Staat fallen. Welche genau, darüber lässt sich streiten. Aber ein Staat, der  über keinerlei finanzielle Mittel verfügt, wäre nicht handlungsfähig, und damit nicht in der Lage, die Rahmenbedingungen für erfolgreiches Wirtschaften zu gewährleisten.

Freier Wille statt Zwang

Die Steuern einfach abzuschaffen, ist daher keine Lösung. Eine andere Idee wäre es aber, das bisherige, auf Zwang beruhende System der Steuereintreibung abzuschaffen – und das von oben verordnete Nehmen durch ein freiwilliges Geben zu ersetzen. Genau das hat 2010 der angesehene Philosoph Peter Sloterdijk gefordert – und wurde dafür, erwartbarerweise, in sämtlichen Feuilletons des Landes in Grund und Boden kritisiert.

Aber warum eigentlich? Die Kritiker seiner Idee, dass der Staat es in Zukunft jedem freistellt, so viel an Steuern zu bezahlen, wie er für angemessen hält, gehen offenbar von einem sehr verbreiteten, negativen Menschenbild aus. Demzufolge ist der Mensch – etwas vereinfacht ausgedrückt – von Natur aus schlecht. Er muss durch äußeren Zwang dazu bewegt werden, Gutes zu tun.

Dieses Menschenbild ist nicht nur sehr pessimistisch – es ist auch in vielen Fällen mittlerweile empirisch widerlegt. So gibt es beispielsweise das erfolgreiche Konzept der Weinereien. Kurz gesagt sind das Restaurants, in denen jeder bezahlt, was er für den angemessenen Preis hält. Die Pessimisten müssten vor Schreck aufschreien und davon ausgehen, dass diese Läden nach spätestens einem Jahr pleite sind. Das Gegenteil ist der Fall. Untersuchungen zeigen, dass viele Gäste sogar mehr geben als sie per normaler Rechnung bezahlen müssten.

Homo oeconomicus hat ausgedient

In der Wissenschaft ist das Modell des homo oeconomicus, der jede Entscheidung nur unter Berücksichtigung eines kurzfristigen Nutzens für sich selbst trifft, längst überholt. Studien zeigen vielmehr, dass Menschen durchaus bereit sind, freiwillig etwas von ihrem Hab und Gut abzugeben – wenn sie denn den Eindruck haben, dass dieser Akt auch etwas Gutes bewirkt.

Und genau an diesem Punkt könnte ein Steuersystem, das auf Freiwilligkeit beruht, ungeahnte Kräfte freisetzen. Es ist nicht einmal unwahrscheinlich, dass dadurch mehr Steuern eingenommen würden als mit dem bisherigen Verfahren, das auf Zwang und Strafe setzt. Zur Erinnerung: Laut Schätzungen entgehen dem Staat in Deutschland jedes Jahr etwa 100 Milliarden Euro Einnahmen durch Steuerhinterziehung. Dies ist nicht nur das Ergebnis persönlicher Gier, sondern auch die zum Teil verständliche Reaktion auf einen oft verschwenderischen Umgang mit Steuergeldern. Laut dem Bund der Steuerzahler hat der deutsche Staat im Jahr 2017 mindestens 30 Millionen Steuern verschwendet.

Genau da würde ein freiwilliges Steuern- und Abgabensystem eine ganz andere kontrollierende Wirkung entfalten. Ein Staat, der seine Bürger davon überzeugen muss, dass er ihre Steuergelder für sinnvolle und wichtige Zwecke verwendet, wird weit größere Vorsicht und Achtsamkeit beim Ausgeben walten lassen. Bisher wird dazu kein Anreiz geschaffen: Die Steuereinnahmen beruhen nicht auf dem Vertrauen, dass die Bürger dem Staat entgegenbringen, sondern auf Zwang.

Wenn uns die Geschichte eines lehrt, dann doch folgendes: Zwang mag in manchen Fällen sehr effektiv sein – er übertrifft niemals die Produktivkraft, die durch Eigenverantwortung und selbstbestimmtes Handeln freigesetzt wird. Die Frage ist nur: Sind wir mutig genug dafür? Oder bleiben wir lieber bei einem auf Pessimismus und Kleingeistigkeit beruhenden Zwangssystem, einfach nur, weil wir es schon immer so gemacht haben?