Wie klingt das: Arbeiten, arbeiten, arbeiten, sparen, sparen, sparen – und mit 40 in Rente gehen? Die Antwort auf diese Frage wird je nach Temperament und Charakter des Befragten unterschiedlich ausfallen. Für die einen mag es wie das Paradies erscheinen. Andere bekommen angesichts der Vorstellung, ab der Hälfte des Lebens plötzlich nur noch Freizeit zu haben, womöglich Beklemmungen.

Jedenfalls gibt es dieses Lebensmodell. Es hat sogar einen Namen: Frugalismus. Das leitet sich von frugal ab, was sich mit “bescheiden, mäßig” übersetzen lässt. Frugalisten leben sparsam. Einen großen Teil ihres Einkommens geben sie nicht aus, sondern sparen ihn für später. Wobei sparen meist das falsche Wort ist: Sie investieren ihn, oft in langfristige Anlageformen wie Investment- oder Indexfonds.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

Anstatt sich also von den Früchten ihrer Arbeit gleich etwas zu gönnen – einen spontanen Trip auf die Malediven, eine sündhaft teure Armbanduhr oder ein kostspieliges Essen in einem Sternerestaurant – setzen Frugalisten auf die nahe Zukunft. Sie leben in der Gewissheit, schon mit Anfang oder Mitte 40 nicht mehr arbeiten zu müssen.

Es klingt fast ein wenig religiös: Erst verzichten, bescheiden sein und fleißig – und als Belohnung dann das Paradies. Doch die meisten Frugalisten sind weder religiös angehauchte Spinner noch verklemmte, lustfeindliche Geizkragen. Sie rechnen nüchtern aus, wie sie es schaffen, schon ab der Mitte des Lebens nicht mehr auf regelmäßige Lohn- oder Gehaltszahlungen angewiesen zu sein. Im Grunde streben sie nach einem menschlichen Urtraum. Dem Wunsch, unabhängig zu sein. Keinen Chef mehr über sich zu haben, keine Angestellten unter sich, keine Verantwortung, außer für sich selbst.

Folge des globalen Finanz- und Wirtschaftskrise

In ihrer Vorgehensweise, nicht so viel wie nur irgend möglich an Besitz anzusammeln, sondern im Gegenteil sparsam und bescheiden zu sein, spiegelt sich eine gewisse Skepsis wider. Eine Skepsis, die nach der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 recht weit verbreitet ist. Zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg schrumpfte das reale Bruttoinlandsprodukt der Industriestaaten. Das gab Ahnung davon, dass materieller Wohlstand nicht immer die Sicherheit gewährt, die man ihm gemeinhin zuschreibt. Dass letztlich alles vergänglich ist und selbst immens große Vermögen in wenigen Sekunden verschwunden sein können.

Mit dieser Erkenntnis kann man zu ganz unterschiedlichen Lösungsansätzen kommen. Anstatt in Fatalismus und apokalyptische Untergangsphantasien zu verfallen, kalkulieren die Frugalisten ganz rational, wie sie mit dieser nicht vermeidbaren Unsicherheit umgehen. Sie entscheiden sich dafür, auf der Basis von Wahrscheinlichkeit das beste Ergebnis herauszuholen. Allemal ein produktiver, aktiver Ansatz.

Nicht für jeden etwas

Freilich erfordert diese Herangehensweise gewisse Voraussetzungen. Disziplin, Verzicht und die Bereitschaft, vorauszudenken, statt nur im Augenblick zu leben – all das muss ein erfolgreicher Frugalist mitbringen. Außerdem braucht er ein gewisses Grundwissen, was Geldanlagen angeht. Oder einen sehr guten Berater, der allerdings nicht teuer sein darf.

Und noch eine andere Frage stellt sich in diesem Zusammenhang: Will ich überhaupt mit 40 aufhören zu arbeiten? Anstatt zu sparen, wo es geht, kann man ja auch seine Energie darauf verwenden, eine Tätigkeit zu finden, die einen so erfüllt, dass die Vorstellung von Rente eher abschreckend als verlockend wirkt. Wie eingangs erwähnt, ist es letztlich eine Frage des Temperaments und des Charakters, ob Frugalismus einem als die Lösung aller Probleme oder nur als vorübergehender Hype erscheint.