Das Wort Kapitalismus hat im Deutschen einen faden Beigeschmack. Im Land von Marx und Engels, von Liebknecht und Luxemburg, von Wagenknecht und Lafontaine verbinden viele damit negative Assoziationen. Das ist bei unseren angelsächsischen Freunden ganz anders. Dort wird der Begriff selbstbewusst verwendet, als Selbstcharakterisierung eines effektiven, freien Wirtschaftssystems. Nicht ärmliche, ausgemergelte Gestalten aus dem 19. Jahrhundert sieht der Angelsachse vor seinem geistigen Auge, sondern das Hier und Jetzt.

Und dieses Hier und Jetzt sieht, allen Unkenrufen und Untergangsszenarien zum Trotz, nicht so schlecht aus. Jedenfalls dann nicht, wenn man ganz nüchtern auf Zahlen und Fakten schaut anstatt auf gefühlte Bauchwahrheiten zu vertrauen, die so gerne über soziale Medien verbreitet werden. Die Armutsbekämpfung konnte in den letzten vierzig Jahren erhebliche Fortschritte machen – nicht trotz, sondern dank des Kapitalismus.

Extreme Armut halbiert

Das behauptet nicht der Bundesverband der Arbeitgeber oder eine industrienahe Stiftung. Nein, das sind die Ergebnisse des UNO-Milleniumsberichts. Dieser kam schon 2014 zu dem Ergebnis, dass die extreme Armut seit 1990 halbiert wurde. Statt der Hälfte der Weltbevölkerung leben nur noch 22 Prozent von weniger als 1,25 Dollar am Tag. Das sind etwa 700 Millionen Menschen, deren wirtschaftliche Lage sich verbessert hat. Auch die Zahl unterernährter Kinder konnte seit 1990 halbiert werden, von 24 Prozent auf 12.

Diese unbestreitbaren Errungenschaften im Kampf gegen die Armut haben einen ebenso unbestreitbaren Vater: Genau, den Kapitalismus. Denn wir erinnern uns. Was ist 1990 nochmal passiert? Welcher entscheidende Faktor änderte sich? Richtig. Die Mauer war ein Jahr zuvor gefallen, der Ostblock zerbrach, die Sowjetunion ebenfalls. Und mit dem Kommunismus landete sein ineffektives Wirtschaftssystem auf dem Müllhaufen der Geschichte: Die Planwirtschaft.

Selbst in Ländern wie China oder Vietnam, wo die Kommunistischen Parteien bis heute formal an der Macht sind, wurde die sozialistische Schritt für Schritt durch eine freie Wirtschaftsordnung ersetzt. Heute funktioniert die Wirtschaft in beiden Ländern trotz sozialistischem Etikett nach den Prinzipien des Kapitalismus: Leistungsbereitschaft des Einzelnen wird belohnt, Faulheit und Ideenarmut werden bestraft. Das hat zu erstaunlichen Ergebnisse geführt. Der von extremer Armut betroffene Bevölkerungsanteil konnte in China von 60 Prozent auf 12 gesenkt werden.

Zur Sonne, zur Freiheit

Werfen wir einen kurzen Blick auf zwei Gegenbeispiele. In Griechenland und Nordkorea ist die Armut in den letzten Jahren nicht zurückgegangen. Im Gegenteil. Statt zu wachsen schrumpft die Wirtschaftsleistung in beiden Staaten. Sind daran die Banken schuld? Nein. Ineffiziente und übergewichtige Staatsapparate, Korruption und ständige staatliche Eingriffe in die freie Wirtschaft sind es, die verhindern, dass aus den Wachstumschancen in diesen Ländern auch reales Wachstum wird.

Man kann also guten Gewissens behaupten: Die wirkungsvollste Bekämpfung der Armut leistet der Kapitalismus. In einer freien Wirtschaftsordnung werden Kräfte freigesetzt, die in anderen Systemen nicht einmal vage vorstellbar wären. Davon profitieren letztlich alle. Freilich nicht alle im gleichen Maß. Kapitalismus hat nicht zum Ziel, für alle dasselbe Wohlstandsniveau zu erreichen. Das wäre angesichts der großen individuellen Unterschiede in Leistungs- und Verantwortungsbereitschaft utopisch.

Deshalb stimmt es, dass sich die Unterschiede im Einkommen vergrößern. Kapitalismus bekämpft Armut, nicht Ungleichheit. Und das ist auch gut so. Denn was nützt es irgendwem, wenn alle Menschen auf der Welt genau gleich viel besitzen – aber keiner genug zum Leben hat? Die Politik sorgt zudem dafür, dass dabei faire Bedingungen herrschen und die Spielregeln von allen eingehalten werden. Derart gezügelt gibt der Kapitalismus jedem die Chance auf ein gewisses Lebensniveau. Und das ist in Summe für alle besser als eine falsch verstandene Gleichheit.